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Die Zerstörung der Bäuerlichkeit

Die Bäuerlichkeit ist eine traditionell menschliche Grundhaltung mit positiven Werten von Selbständigkeit und Verantwortungsbewusstsein für Landbewirtschaftung und Nachhaltigkeit. Doch das derzeit vorherrschende System der Landwirtschaft nach industriellen Maßstäben führt zum Gegenteil: zu hilfloser Abhängigkeit und zu Raubbau an Natur und an der Nachhaltigkeit. Eine Analyse der Zusammenhänge!

Das System der modernen Landwirtschaft

Wir Bauern sind ja ein Teil der Gesamtwirtschaft. Vereinfacht gesagt produziert der Landwirt lebendige Produkte, die er an Landhandel und Verarbeiter liefert. Diese machen daraus erst die marktfähigen Lebensmittel, welche der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) an die Verbraucher verkauft. Der Landwirt wiederum kauft vom Landhandel seinerseits seine benötigten Produktionsmittel ein. Das ist der wirtschaftliche Kreislauf.

Eigentlich müsste die Landwirtschaft in diesem System der wichtigste Teil sein, denn ohne seine Rohstoffe kann es doch auch keine Endprodukte geben. Sollte man meinen! Wenn da nicht inzwischen der globale Handel wäre. Denn die Lebensmittelrohstoffe können mittlerweile weltweit – und immer zum günstigsten Preis – besorgt werden. Die Bauern sind dadurch beliebig austauschbar geworden und zusätzlich auch ständig dem Preisdruck der Abnehmer ausgesetzt.

Preisdruck-System

Dieses Preisdruck-System erzwingt das sogenannte „Wachsen oder Weichen“. Denn die Erzeugungskosten müssen durch rationelle Technik- und Produktivitätssteigerungen nach industriellem Vorbild immer weiter nach unten gedrückt werden. Dem Rationalisierungsdruck ist ebenfalls der sogenannte Strukturwandel geschuldet, weil sich bei größeren Stückzahlen die Stückkosten je Einheit senken lassen. Die kleineren landwirtschaftlichen Betriebe werden so systematisch eliminiert und dafür große und hochspezialierte Betriebe installiert.

Aber die Wachstumsbetriebe der „Agrarmanager“ können sich auch nicht in Sicherheit wähnen, da der kapitalintensive Technikeinsatz die Verschuldung und damit das Unternehmer-Risiko deutlich nach oben treibt. Bereits normale Schwankungen von global abhängigen Ereignissen können bei hohem Verschuldungsgrad zu Existenzproblemen führen. Zumal es ja keine garantierte Mindesterzeugerpreise gibt.

Also so etwas, wie einen Mindestlohn, der z.B. die Arbeitnehmer vor der globalen Ausbeutungen schützt. Im Gegenteil, die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise sind durch internationale Börsen-Systeme auch der Spekulation ausgesetzt. z.B. die MATIF (Marche de Terme Internationel de France). Die globale Marktwirtschaft entkoppelt die einst regionale landwirtschaftliche Produktion von den lokalen Märkten und damit auch von den Gewinnmargen der Verarbeiter und des LEH.

Produktion ohne aktive Vermarktung

Die Marktorientierung der unter ständigem Preisdruck austauschbaren „Lebensmittelrohstofferzeuger“ ist gering, weil der Berufstand seine Mitglieder auf „Wachsen oder Weichen“ und auf „Weltmarkt-Export“ einschwor. Dafür bekamen die Bauern von der Politik die Abfederung durch Subventionen (die Erfolge der Bauernverbände). Das „Jammern der Bauern“ war bisher, von den Geldmengen her betrachtet, sogar eine recht erfolgreiche Strategie. Doch durch die daraus resultierende staatliche Fürsorge kümmerten sich die Bauern nicht um ihre Absatzmärkte, sondern überließen diese bereitwillig dem Landhandel. Dabei hätten die Bauern mit ihren Genossenschaften geschichtlich gewachsene, starke Eckpfeiler im Markt. Doch das Genossenschafts-Netzwerk ist längst mit dem Handel verbündet. Die Unternehmensziele der großen Genossenschaften unterscheiden sich heute nicht mehr von anderen kommerziellen Unternehmen. Waren ursprünglich sicherer Absatz und gute Erlöse der eigenen Produkte der Genossen das Ziel, so sind es heute die Unternehmensgewinne, die eben dadurch erhöht werden, wenn Rohstoffe (die bäuerliche Produkte) möglichst kostengünstig den eigenen Bauern abgekauft werden und die Produktionsmittel, wie Maschinen, Dünger und Pflanzenschutzmittel usw. möglichst hochpreisig an die Landwirte verkauft werden.

Bildung nur für die Produktion

Eine sehr wichtige Rolle bei der Entkoppelung spielt auch die staatliche Bildung und Beratung. Sie unterstützt und fördert seit Jahrzehnten die Modernisierung und Effizienzsteigerungen der landwirtschaftlichen Produktion. Und zwar einseitig auf Produktion ausgerichtet. Ohne marktwirtschaftliches Know-How, welche diese staatlichen Institutionen selbst wenig besitzen. Diese seit Jahrzehnten einseitige „Erziehung“ zu braver Gutgläubigkeit der landwirtschaftlichen Nachwuchses wirkt nachhaltig.

Schuldzuweisungen statt anerkennung

Zum Übel der wirtschaftlichen Zwänge gesellt sich in den letzten Jahren nun noch die massive Kritik der Gesellschaft gegen die immer dringender werdende Umweltprobleme, wie z.B. ansteigende Nitratwerte und Rückstände von Pflanzenschutzmitteln. Die Politik reagiert mit „Zuckerbrot und Peitsche“. Also mit neuen, jedoch wieder dirigistischen Subventionen und mit Verschärfungen des Ordnungsrechtes (z.B. Düngeverordnung). Die bäuerlichen Menschen reagieren sehr empfindlich darauf. Sind dies für sie doch massive Angriffe auf die Prinzipien der Selbständigkeit und auch eine Art Enteignung ihres Besitzes. Noch gravierender wirkt sich das Dauerfeuer der öffentlichen Kritik darin aus, das die an sich sehr leistungsbereiten, bäuerlichen Menschen dies als Versagen der gesellschaftlichen Anerkennung für ihre Leistungen empfinden.

Der Kreis schließt sich

Die Bauern sind also in diesem System der Technisierung und Spezialisierung in zahlreiche, zwanghafte Kreisläufe geraten. Aus geschichtlicher Selbstständigkeit ist eine Art „Kontrollverlust“ geworden, der in weit verbreiteter Resignation mündet. Ähnlich einem Burnout, fühlen sich viele Bauern machtlos den Zwängen und Kritiken ausgeliefert. Sie igeln sich ein, fühlen sich an den Rand der Gesellschaft gedrückt. Als Konsequenz dieser Art Hilflosigkeit sehen sehr viele Bauern nur noch die Rettung durch die Politik. Während ihre Lobbyverbände mit ihrer jahrzehntelangen Verteidigungsstrategie weitermachen und keine Verantwortung übernehmen für die unübersehbaren Probleme.

Aus den einst selbstbewusste kreativen Bauern sind also mehr oder weniger hilflose Abhängige geworden. Es ist das Ergebnis einer Strategie, die durch allerlei Förderungen (Subventionen) und staatlicher, beamteter Führung zuerst zur Sattheit und dann zur „erlernten Hilflosigkeit“ führt. Doch damit nicht genug. Diese „erfolgreiche Förderpolitik“, wird in weiten Teilen der Wirtschaft und der Gesellschaft fortgesetzt. Sobald aktuelle Probleme die breite Öffentlichkeit erreicht haben, fühlt sich der Staat und die Institutionen berufen mit Förderungen und neuem Personal zu antworten. Ein bewährter Vorgang, der geradewegs in bürokratische und verkrustete Strukturen führt.

Das Sterben der Bäuerlichkeit mitsamt seinen Folgen hat deshalb schon lange eine sehr weite gesellschaftliche Dimension. Darauf wies schon der Österreichische Zukunftsforscher Johann Millendorfer hin und führte als Beispiel die im Ostblock ganz bewusst ideologisierte Zerstörung der Bäuerlichkeit hin:

Mittels Zwangskollektivierung wurden zu Zeiten des Kommunismus die bäuerlichen Betriebsstrukturen aufgelöst. Dahinter stand Ideologie. Beabsichtigt war auch eine Zerstörung der Bäuerlichkeit […] mit dieser Zerstörung der Bäuerlichkeit waren Einbußen an Lebensqualität und Wirtschaftskraft im alten System der mittel- und osteuropäischen Länder verbunden.

Buch aufbruch zum leben, Baaske/Millendorfer, Kapitel logik des untergangs

Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung hin zu konzentrierten Großstrukturen und gleichzeitiger Unfähigkeit der Problemlösungsfähigkeit wird auch in unseren westlichen Gesellschaften immer unübersehbarer. Nicht nur bei den Bauern. Landauf und Landab werden selbst die offensichtlichsten Probleme verleugnet, z.B. den Klimawandel und die Zerstörung der natürlichen Ressourcen. Während globalen Großkonzerne und der Staat ungehindert ihre Machtstrategien ausbauen. Zurück bleiben tief enttäuschte Menschen, die sich machtlos fühlen deshalb für Populismus und anderes wieder zu haben sind.

Millendorfer hatte Recht: Mit dem Sterben der Bäuerlichkeit begann die schleichende Zerstörung der eigenverantwortlichen Gesellschaft.

Euer Alois

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4 Kommentare

  1. fingerphilosoph 12. Mai 2019

    Zur Bäuerlichkeit gehört nicht nur die Herstellung und der Verkauf von Lebensmitteln bzw. Rohstoffen für Lebensmittel, sondern eine breite Schicht in der Bevölkerung (ich schätze mindestens 50%), die sich mit (fast) allem Lebensnotwendigen selbst versorgen kann und deshalb von politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, Banken- oder sonstigen Systemkrisen weitgehend unabhängig ist.

    Rentner beispielsweise können in der Ukraine mit einer Monatsrente von umgerechnet 25,- Euro rechnen. Davon kann auch dort niemand leben. Andererseits muss es wohl so sein, dass jedem Bewohner der Ukraine 1 Hektar Land zur Eigenbewirtschaftung zur Verfügung steht. In der überwiegend noch dörflichen Struktur hat jeder (Rentner-)Haushalt 1-2 Kühe, 1 Schwein, ca. 8-10 Hühner, ein paar Gänse und Ackerfläche, wo Gemüse, Kartoffeln und manchmal auch Getreide für den Eigenbedarf angebaut werden. Die Rentner versorgen sich mit allem Lebensnotwendigen weitgehend selbst und verkaufen den Überschuss (häufig Milchprodukte wie Quark, Butter, Joghurt) auf dem Markt in den nächstgelegenen Städten, wo sie dann Salz, Öl, Seife und sonstige Produkte einkaufen, die sie selber nicht herstellen. Für die Winterzeit wird aufwändig Vorratshaltung betrieben. Die jungen Leute ziehen nach Kiew oder in andere Städte.

    Bis etwa 1950/60 waren die Gesellschaften in Europa auf solche Eigenständigkeit ausgerichtet. Nur 30% lebten in Städten. Heute leben in Europa 73% der Bevölkerung in Städten, doch selbst die Dorfbewohner haben überwiegend städtische Strukturen adaptiert. Selbstversorgung gibt es nirgendwo mehr. Die meisten Selbstversorgerprojekte scheitern nach meinen Informationen nach ein paar Jahren oder erhalten sich nur dadurch, dass ein beträchtlicher Teil der Teilnehmer sonstwo einem regulären Beruf nachgeht. Bauern, vor allem Bio-Bauern, leben hauptsächlich von Subventionen und nicht von ihren Erzeugnissen.

    Eine an sich relativ harmlose Ursache (wie die Gier einiger Banker, die sich verzocken, oder der Handel mit faulen Papieren) weitet sich in modernen Industriegesellschaften sofort zur existenziellen Katastrophe aus. Die Bevölkerungen werden zur gefügigen Beute derer, die die Anfälligkeit des Systems ausnutzen. Zocker-Banken müssen gerettet und faule Papiere über die EZB mit dem Vermögen des Steuerzahlers aufgekauft und neutralisiert werden. Heutige Gesellschaften, in denen die Mitglieder ihre Eigenverantwortlichkeit und Selbstversorgung aufgegeben haben, können sich den – manchmal eben auch notwendigen – Zusammenbruch des Geldsystems gar nicht mehr erlauben. Die Eiertänze, um Krisen zu verhindern, werden zusehends hektischer und irrationaler. Die Bevölkerungen der Industrieländern sitzen in einer Falle. Heute arbeitet jeder Berufstätige bereits mehr als die Hälfte des Jahres für den Staat und nicht für das eigene Wohlergehen.

    Die Landwirtschaft wurde jedoch erst relativ spät industrialisiert. Offenbar waren Bauern erst nach dem 2. Weltkrieg zur Industrialisierung bereit. Bis zum 1. Weltkrieg galten Bauern als fortschrittsfeindlich und gegenüber technischen Neuerungen eher abgeneigt. Ist es deshalb nicht vielleicht umgekehrt? Dass mit den Bauern sozusagen „die letzte Bastion“ an Eigenverantwortlichkeit und Selbständigkeit fällt? Dass mit der Zerstörung der Bäuerlichkeit die Zerstörung der eigenverantwortlichen Gesellschaft nicht beginnt, sondern vollendet wird?

    • Alois Wohlfahrt 12. Mai 2019 — Autor der Seiten

      Interessante These, dass die Zerstörung der Bäuerlichkeit nicht der erste, sondern der letzte Schritt zur Abhängigkeitsmachung ist. Dann wären die letzten Bauern ja noch so etwas wie die letzte Bastion der Freiheit. 🙂

      • fingerphilosoph 12. Mai 2019

        Das würde wohl heißen, dass mit der Zerstörung der Bäuerlichkeit niemand mehr da ist, der für Eigenverantwortung und Selbständigkeit steht und „das Ruder doch noch herumreißen“ könnte. Das wäre der Abgesang auf die viel besungene Freiheit des Menschen.
        Deshalb setze ich schon eine gewisse Hoffnung in den Allgäuer Eigensinn 🙂

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