Den MarktWert der BäuerlichkeIt erkennen

Prof. Millendorfer hat den Wert der Bäuerlichkeit in vielfältiger Weise herausgearbeitet. Nicht nur im Bezug auf das Immaterielle, sondern auch aus der harten, marktwirtschaftlicher Sicht.

In seiner Studie der „Quantifizierung der Nebenleistungen bäuerlicher Landwirtschaft in Bayern“ errechnete er 1991 Milliarden an Wertschöpfung durch bäuerliches Schaffen jenseits der reinen Agrargüter. Nun, das ist ganz praktisch für jeden Bauer die gute Nachricht. Dass nämlich für bäuerliche Leistungen ein wirklicher Marktwert besteht.

wer suchet, der findet.

Doch hier stößt man als Bauer schnell auf ein großes Problem: Das eigene landwirtschaftliche Berufsbild ist voll von solchen Glaubenssätzen, die dagegen sprechen:

  • Als Bauer kann ich nur Agrargüter produzieren.
  • Verarbeitung und Marketing der Agrarprodukte kann ich nicht machen, weil ich das Know-How nicht habe und auch keine Zeit dazu.
  • Mein Hof kann nur überleben, wenn ich den Betrieb vergrößere. (Wachsen oder Weichen)
  • Die Verarbeitung und Verarbeitung meiner Agrarprodukte kann ich nicht machen. Ich kann meine Agrarprodukte nur abliefern.
  • Ich muss immer billiger produzieren, weil der Weltmarkt und der Verbraucher das wollen.
  • Ich muss als Bauer immer die neueste Technik einsetzen, da ich sonst meine Arbeit nicht mehr schaffe.
  • Nur die Agrarpolitik kann Änderungen herbeiführen. Ich selbst kann nichts machen.
  • Die Medien und die Gesellschaft respektieren meine Arbeit als Landwirt nicht.
  • usw.

Hinzukommt die „Sozialkontrolle“ der sogenannten „landwirtschaftlichen Blase“, die weitgehend unter sich bleibt. (ldw. Verbände, Institutionen, Firmen, Genossenschaften, Medien usw.) „Du bist ja kein richtiger Bauer mehr!“ Diesen Satz bekommt man von seinen Berufskollegen schnell aufs Brot geschmiert, wenn man andere Wege geht. Auch die landwirtschaftlichen Bildungsinstitutionen verharren leider immer noch in der agrarischen Engstirnigkeit. Und dann sind da noch die auf Agrarpolitik und Agrarproduktion fokussierten „Bauernblätter“ mitsamt den rückwärtsgewandten Bauernverbänden.

Die Barrieren liegen also tatsächlich nicht so sehr im Machbaren, sondern im Denken und in den Wertvorstellungen der Menschen. Wer wehleidig klagt, kann nicht gestalten.

Alois Glück. Buch „Das Land hat Zukunft“ Seite 16

Die Glaubenssätze überwinden

Kein Zweifel, das Überwinden der hinderlichen Glaubenssätze kann nur gelingen, wenn man als Bauer Impulse und Kontakte von außerhalb der „landwirtschaftlichen Blase“ zulässt. Oder am Besten ganz gezielt sucht. Vereine, Arbeitswelt, Bücher, neue Medien, Sport, Reisen usw. Noch nie waren die Möglichkeit so groß wie heute. Persönliche Neigungen und Talente spielen eine große Rolle um individuelle Bezugspunkte zu erschließen. Und nicht zuletzt lernt man sehr viel durch das Annehmen von Kritik und das Aufarbeiten von Konflikten. Daran mangelt es ja heutzutage in der Landwirtschaft wirklich nicht.

Millendorfers Definitionen zur Bäuerlichkeit geben einem suchenden Bauer sehr viel Orientierung:

  • Die Kernkompetenz des Bauern ist der ganzheitliche Umgang mit der Natur.
  • Der Bauer sorgt selbständig für sich, seinen Hof und seine Familie.
  • Der Bauer erschließt (entwickelt) Ressourcen und lernt durch Problemlösungen.
  • Der Bauer bewahrt seine Ressourcen um sie intakt an die nächste Generation zu geben.
  • Der Bauer sucht den Fortschritt und bewahrt trotzdem seine lebendigen und natürlichen Werte.
  • Lebensbereich vor Produktionsbereich. Immaterielles vor Materiellem.
  • Langfristigkeit und alternative Sanftheit.
  • Umkehr zum Leben. Gerade die Industriegesellschaft sucht wieder nach dem Lebendigen – das die Bauern (noch) haben.
  • Intensive Industrialisierung und Technisierung zerstört die Umwelt (Ressourcen) und die bäuerliche Kultur.

Millendorfer forderte, dass die Bauern ihrer Kernkompetenzen bewusst werden und diese wirtschaftlich einsetzen sollten. Der Bauer sei immer schon ein ganzheitlich denkender und handelnder Mensch gewesen. Er sagte dazu auch „Hausverstand“. Im Gegensatz zu den „Experten“ (Fachidioten) der spezialisierenden Industrialisierung. Er warnte davor, dass sich der Bauer zum „Traktoristen“ abwertet, je mehr er nach den Vorgaben der Industrialisierung arbeitet. Statt dessen müsse der Bauer die steigende Nachfrage nach „lebendigen Produkten“, welche die Industriegesellschaft als Ausgleich sucht, bedienen.

Er bezeichnete den Bauer sogar als „Urtyp des Unternehmers“. Bäuerlichkeit sei eine positive Geisteshaltung mit Werten zu Selbständigkeit, Problemlösungsfähigkeit, Tatkraft, Eigenverantwortung und Nachhaltigkeit. Im Endeffekt ist also der abstrakte Begriff Bäuerlichkeit nichts anderes als der Glaube an sich selbst und das Erkennen seiner eigenen Fähigkeiten. Diese werden immer einzigartig sein, was ganz natürlich eine sehr große Vielfalt hervor bringt. Im Gegensatz zu den Monokulturen der Industrialisierung.

Marktwirtschaftlich ist die Suche nach dem eigenen „Alleinstellungsmerkmal“ essentiell für den Erfolg. Etwas, was einmalig ist (zumindest regional) und nicht sofort kopiert werden. Nur Milch oder Kartoffeln als standardisierten Rohstoff zu erzeugen macht den Bauern immer unter Preisdruck austauschbar. Die „Produkte der Bäuerlichkeit“ sind immer individuell vom Bauern und seinen eigenen, oft auch regionalen, Möglichkeiten abhängig.

Gewinne erzielen

Daran zeigt sich ein weiterer hässlicher Glaubenssatz der „landwirtschaftlichen Blase“: dass nämlich der Bauer nicht (und schon gar nicht an anderen Bauern) sich einen Gewinn verschaffen darf. Nirgends wird das „Ehrenamt“ so stark betont wie in bäuerlichen Kreisen. Möglicherweise liegt es daran, dass die Bauern es schon immer gewohnt waren, nur das zu bekommen, was andere Ihnen zugestehen. Oder es hängt dies auch mit den Ausbildungssystemen der Landwirtschaft zusammen, denn vielen „ausgebildeten Landwirten“ fehlt leider das „grundlegende kaufmännische Handwerkszeug“, das jeder erfolgreiche Unternehmer zwingend braucht. Da man als Agrarproduzent seine Agrarprodukte anliefert, fertigt der Abnehmer seit jeher dafür sogenannte Abrechnungen für den Landwirt. Darum sind noch heute viele Landwirte gar nicht in der Lage selbst Rechnungen zu stellen.

Bei diesem Lapsus sind die Landwirte übrigens nicht allein. Im Handwerk ist dies ganz ähnlich. Auch die meisten „Vollblut-Handwerker“ sind lieber auf der Baustelle als im Büro. Doch dort ist es üblich diesen Bereich eben deshalb professionell zu delegieren. Das wird auch der „bäuerlichen Unternehmer“ machen, sobald er oder sie sich diesem Fallstrick bewusst ist.

Denn dies ist meine langjährige Erfahrung: Bäuerliche Menschen sind sehr lern- und anpassungsfähig. Und die ganz gute Nachricht ist: Bäuerlichkeit als „unternehmerische Geisteshaltung“ ist nach wie vor in den Menschen auf dem Land vorhanden ist. Man muss sie nur „erwecken“, indem man derlei Impulse jenseits der agrarischen Glaubenssätze zulässt. Dann wird der bäuerliche Gedanke frei und mobilisiert enorme Kräfte. Es ist schön, wenn immer mehr Bauern sich wieder an Ihre Bäuerlichkeit erinnern.

Alois

Beispiele gefällig: (Weiter Beispiele gerne als Kommentar posten)

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