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Heilige Kühe

Von Indien wissen wir, dass dort die Kühe heilig sind. Aber eigentlich sollte es bei uns im Allgäu auch so sein. Denn das Allgäu verdankt den Kühen sehr viel. Flüchteten noch Mitte des 19. Jahrhunderts hungernde Allgäuer nach Amerika, so drehte sich das Drama zum blühenden Erfolgsmodell (bis heute) mit der Einführung der Milchwirtschaft durch den „Notwender Karl Hirnbein“. Die Kuh erbringt das Wunder, indem sie das für uns Menschen ungenießbare Gras in schmackhafte Milch und in nahrhaftes Fleisch verwandelt. Zusätzlich veredelt der „Kuh-Dung“, also Mist und „Bschütte“, die kargen voralpinen Böden in die satte, blühende Landschaft, die so typisch für das Allgäu ist.

Doch die Idylle hat längst Risse. Beispielsweise ist das Insektensterben auch im Allgäu deutlich zu beobachten. Aus einst blühenden Mähweiden droht die fortschreitende, agrarische Intensivierung monotone Graslandschaften zu machen. Doch ich bin weit davon entfernt den Bauern dafür einfach den schwarzen Peter zu zuschieben. Die Ursache liegt darin, dass der gnadenlose betriebswirtschaftliche Zwang zur effektiven und immer billigeren Lebensmittelproduktion zur ganz allgemein zur „heiligen Kuh“ geworden ist.

Wenn wir als Gesellschaft wirklich den Schutz von Natur und unserer lebenswichtigen, natürlichen Ressourcen wollen, dann müssen wir diese Ursache anpacken. Wir müssen den Bauer mitsamt seinen Kühen von dem „immer-billiger-produzieren-Wahnsinn“ befreien. Von-Hier-Markenprodukte machen vor, wie dies gelingt. Die faire Partnerschaft, vom Erzeuger bis hin zum Verbraucher, ist nämlich dort „heilige Kuh“. Und als sichtbares Zeichen für diesen Wandel erfreuen sie sich wieder am Anblick vieler gemütlich grasender Kuhherden rings herum um unsere schönen Allgäuer Dörfer.

  • Hinweis: Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im Von-Hier-Magazin Februar/März 2019 

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2 Kommentare

  1. fingerphilosoph 9. März 2019

    Die „heilige Kuh“, die gleichbedeutend mit dem betriebswirtschaftlichen Zwang zur effektiven und billigen Nahrungsmittelproduktion ist, steht im „heiligen Stall“, und das ist nicht der von Bethlehem, sondern die Technoreligion, der fast die ganze Menschheit huldigt : der offenbar unausrottbare Glaube, dass Technik für den Menschen ausnahmslos Vorteile und keinerlei Nachteile hat. Die trotzdem sichtbar werdenden Nachteile werden flugs dahingehend uminterpretiert, dass die Technik eben noch nicht ganz „ausgereift“ ist, was sich mittels weiterer Technisierung und MINT-Anstrengungen ändern lässt. In dieser Denkweise sind Nachteile durch Technik immer nur von vorübergehender Natur, die beseitigt werden können. In dieser Denkweise verspricht die Technoreligion ihren Gläubigen als Endzustand nicht das Paradies, das immer noch zu anstrengend wäre, weil man die Äpfel selber pflücken muss, sondern das Schlaraffenland, in dem der Mensch alles hat und sich für nichts mehr selber anstrengen muss. Ob diese allumfassende Weltreligion das Versprechen einlösen wird, sei mal dahingestellt.

    Was die Technoreligion verschweigt, ist, dass Technisierung systemimmanente Nachteile hat, die nur immer weiter fragmentiert und großräumiger über den Planeten verteilt, aber nicht grundsätzlich beseitigt werden können. Plastikmüll und CO2 repräsentieren diese Fragmentierung und Verteilung in weit mehr als nur symbolischer Weise.

    Die Frage, ob das Leben im Schlaraffenland überhaupt ein Vorteil ist oder womöglich ein gravierender Nachteil, wird überhaupt nicht gestellt. Es könnte ja sein, der Mensch verkümmert, wenn alle seine Probleme auf technischem Weg gelöst werden und es für ihn keine Herausforderungen mehr gibt. Es könnte ja sein, dass sich der Mensch verändert, wenn es anstelle echter Herausforderungen durch das Leben nur noch Unterhaltung und Scheinprobleme gibt.

    Oder stellt sich der Bergbauer doch diese Frage, weil er freiwillig ein anstrengendes Leben wählt, wo er es auch bequemer haben könnte, und sein Leben ist die Antwort auf diese Frage?

    Solange die Menschheit weiter in ihrer Technikeuphorie verharrt, können Erfolge im Kampf gegen die „heilige Kuh“ wohl nur von kurzfristiger Natur sein, weil jede Auseinandersetzung doch immer noch im „heiligen Stall“ stattfindet.

    Eine Marke wie „Vonhier“ ist ein Kampf gegen die „heilige Kuh“, aber nicht gegen den „heiligen Stall“. Es ist eine Strategie, die einer Anzahl von Bauern im Allgäu kurzfristig, im besten Falle einige Jahrzehnte lang, einen Vorteil gegenüber Mitbewerbern bietet, aber das grundsätzliche Problem wird mit der Erfindung von Marken nicht gelöst. Denn Marken werden im Kapitalismus
    und durch betriebswirtschaftliche Zwänge automatisch ebenfalls zur bloßen Ware.

    Der größte systemimmanente Nachteil von Technisierung ist, dass sie sich nicht mit Natur verträgt. Technisierung ist das Gegenteil von Natur. Technisierung und Natur schließen sich gegenseitig aus.
    Natur bedeutet nichts anderes als: „nicht vom Menschen kontrolliert“, also das freie Spiel verschiedener Kräfte mit- und gegeneinander (=Evolution), denen auch der Mensch ausgesetzt ist. Dieses freie Spiel ist der Raum, wo der Mensch sich als Individuum bewährt oder eben auch nicht. Durch Technisierung will der Mensch diesen Raum kontrollieren, und das ist das Ende des freien Spiels und jeglicher „Bewährung“. Sucht der Bergbauer diesen Raum oder will er diesen Raum kontrollieren?

    Technisierung bedeutet, dieses freie Spiel mittels Unmengen zusätzlicher Energie zu steuern und zu kontrollieren. Technisierung bedeutet nichts anderes als die Verkehrung der Prinzipien der Evolution in ihr Gegenteil und damit nicht nur die Abschaffung von Natur, sondern auch die Abschaffung des Individuums. Eine Natur, die vollständig vom Menschen kontrolliert wird, ist keine Natur mehr, sondern ein Zoo. In einem Zoo wohnen keine Individuen, die sich in irgendeiner Weise bewährt haben.

    Was will der Bergbauer? Wie definiert er sich selbst? Will er – wie die Grünen und die Ökos – im „heiligen Stall“ bleiben und auf die technische Verwirklichung des Schlaraffenlandes, also des Weltzoos, hinarbeiten und dabei im Endeffekt nur eine „heilige Kuh“ gegen eine andere tauschen, oder will er was anderes?

  2. Marian E. Finger 19. März 2019

    Evolution heißt, dass Tiere und Pflanzen sich an ihre jeweilige Umwelt und die darin herrschenden Bedingungen anpassen. Wenn die „heilige Kuh“ – der betriebswirtschaftliche Zwang zur effektiven und billigen Lebensmittelproduktion – in einem „heiligen Stall“ steht, bringt es nicht viel, wenn man die eine Kuh gegen eine andere tauscht. Im „heiligen Stall“ wird aus jeder Kuh früher oder später auch wieder eine „heilige“, denn zwangsläufig muss sie sich ja an den Stall anpassen.

    Wenn man sich den „heiligen Stall“ näher anguckt, sieht man in diesem Stall die Evolution am Werk, nämlich die Evolution des Menschen, der sich allerdings nicht an die Umwelt als Ökosystem – i.S.v. selbstorganisierender Gemeinschaft aus Tieren, Pflanzen, Licht, Wasser etc. – anpasst, sondern an seine Technologien, mit denen er den „heiligen Stall“ baut: eine mehr und mehr vom Menschen gestaltete und beherrschte künstliche Umwelt, die immer aufwändiger, komplexer, technischer, bürokratischer und steriler wird. Und zu deren Erhalt immer mehr Energie und Energieumwandlungsprozesse notwendig sind.

    Wer den Blick nur auf die „heilige Kuh“ – den „Immer-billiger-produzieren-Wahnsinn“ richtet, übersieht den „heiligen Stall“: immer effizientere Technologien, die zwangsläufig Überproduktion hervorbringen und damit jedes Produkt entwerten, nicht nur in der LW.

    Die Allgäuer Dörfer mit ihren Bergen sind schön, weil dem Siegeszug der Technologien hier gewisse Grenzen gesetzt sind, zum einen durch die Natur, die mit ihren Bergen der Massenproduktion Widerstand leistet, zum anderen durch den „Eigensinn“ der Bevölkerung und zum dritten, weil sich mit dem Tourismus eine einträgliche Einkommensquelle aufgetan hat und Tourismus und Intensiv-LW nicht zusammenpassen.

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